Unser Praktikum in Edinburgh, pt 2

Jetzt sind tatsächlich schon drei Wochen vergangen, die Hälfte von unserem spannenden Praktikum schon vorbei. Wir geniessen aber jeden schottischen Tag und geben uns Mühe, uns den Schulentzug nicht allzusehr anmerken zu lassen.

Ja, manchmal Arbeiten wir sogar

… auch wenns nicht so aussieht

Die meiste Zeit verbringen wir natürlich am schönsten Ort in der ganzen Stadt, dem botanischen Garten: Der ist in verschiedenen Abteilungen organisiert, die sich um die einzelnen Bereiche des Gartens kümmern. Genosse Nils verbringt diese erste Halbzeit im Innenbereich, bzw. in den Glashäusern. Ich selber treibe mein Unwesen vor allem im Aussenbereich, bei den Staudenleuten: Dort halten wir die zahlreichen Aussenflächen in blitzblankem Zustand, polieren alle Blätter, bepinseln alle Blüten mit frischer Farbe… Na ja, ganz so penibel gehen wir dann doch nicht an die Sache, aber es geht schon sehr präzise zu und her. Denn ein botanischer Garten hat zu glänzen – schliesslich lebt er von seinen Besuchern – und dazu gehören halt auch alltägliche Arbeiten wie Beikrautregulierung. Oder “edging”, also das exakte schneiden der Rasenkanten, die die Beete einfassen.

Gestochen scharfe Klingen um perfekte Rasenkanten zu stechen

Mit der richtigen Einstellung sind diese Arbeiten ein sehr schönes Erlebnis. Ich fühle mich zwischen all den besonderen, raren und wunderschönen Pflanzen gut aufgehoben und geniesse die achtsame Atmosphäre. Die mag manchmal fast einschläfernd wirken, weil wir uns aus der Baumschule ein anderes Tempo gewohnt sind: Aber darum geht es hier nicht primär. Der RBGE pflegt eine akademische Haltung und hat sich folgendem Motto verschrieben:

To explore, conserve and explain the world of plants for a better future.

RBGE

Wir sollen Lernen können: Das vermitteln und ermöglichen uns unsere schottischen Kollegen. Sie ermutigen uns, Fotos zu machen, Schilder zu lesen, Pflanzen genau anzuschauen und Gespräche zu suchen.

Schon wieder ein Ausflug…

Tatsache: In der zweiten Woche darf ich schon wieder an einem Ausflug teilnehmen! Und der führt das Herbaceous Department (dafür gibts Google Translate…), eine Seniorengruppe und meine Wenigkeit zum Floors Castle. Genauer gesagt zu ihrem “Walled Garden”: Dort entdecken wir einen Schatz an grandiosen Staudenbepflanzungen und einzigartig erzogenen Obstbäumen. Und als Pendant zur LWG – wo man ADR-Sorten testet – eine Versuchsfläche mit Hemerocallis-Sorten.

Der Walled Garden im Floors Castle

Vielleich kennen manche den AGM, den Award of Garden Merit, den die Royal Horticultural Society vergibt: Ob diese gekürten Sorten den hohen Erwartungen gerecht werden, finden die Staudengärtner im Floors Castle heraus. Ich bin erneut begeistert von dieser leidenschaftlichen Garten-Kultur.

Viel Platz für Obstskulpturen: Floors Castle.

Und von der wunderbaren Gelegenheit, mit waschechten Schottinnen und Schotten zu palavern. Die packen dann auch mal aus, wie der Wind unterm Kilt weht…

Faszinierende Einblicke

Mittlerweile haben wir die Menschen, mit denen wir Arbeiten, etwas kennengelernt: Sie bereichern unser Praktikum mit unglaublich wertvollen Lektionen und Informationen. Auch als frisch gebackene Meister – die wohl hie und da ihre hellen Momente haben -, lohnt es sich, zuzuhören: Manche der Mitarbeiter sind in ihrem Gebiet führende und weltweit angesehene Koryphäen, manche Sammlungen gehören zu den umfangreichsten der Welt. Und wir dürfen unsere Nasen in fast alles stecken und fast alles anschauen, was uns interessiert. Mit den Kollegen reden wir über Expeditionen, an denen sie teilnahmen oder die geplant sind: Über Zingiber und Aframomum, und was daran essbar ist: Über den Titanwurz, der letztes Jahr geblüht hat… Ich kann hier nicht mal ansatzweise alles aufzählen.

Samen der Etlingera: Frisch – säuerlich, lecker

Am Mittagstisch in der Mensa sitzen Gärtner, Botaniker und Biologen aus Deutschland, Frankreich, Norwegen, USA, China, Chile… Studenten und Praktikanten – wie wir selbst – tauschen sich aus und lachen zusammen: Jeder Tag erweitert den Horizont.

Weltweit grösste Sammlung von Ingwergewächsen: Umtopfen eines Einzelstückes (…da wird man auch mal aweng nervös)

Und mit dem tollen Team lässt sich Spass haben. Zur Abschiedsfeier eines Mitarbeiters haben wir diskussionslos zu erscheinen, Bierchen und Klares inklusive… und ich glaube wir sind uns einig darin, dass man sich an solche Anlässe gern erinnert (… wenn man sich erinnert…).

Wir feiern unser Praktikum

…und haben in Edinburgh Fuss gefasst. Schon jetzt – währenddem ich im Internetcafe sitze und schreibe – möchte ich am liebsten durchbrennen: Spaten auf der Schulter, Flasche Bunnahabhain stiuireadair (…krieg ich auch nicht hin) unter dem Arm und hunderttausend grüne Schätze im Herzen. Wenigstens spiele ich mit dem Gedanken…Vorher holen wir uns natürlich noch den Techniker. Danach steig ich gleich wieder in den Flieger. Dank Nils und seinem unvergleichlichen Gespür für Gleichgesinnte ergibt sich sogar die Gelegenheit, an einem Kunstprojekt mitzuwirken. Wer malt nicht gerne Kirchen an?

Foto: Nils Konheiser
Botanischer Beitrag: Kreide auf Kirche

Kate – die Projektleiterin – lädt uns ein und wir dürfen einige selbst erzeugte Werke ausstellen. Von denen sogar etwas verkauft wird… Mit dem Gorgie Collective finden wir Kontakte, die uns in Zukunft vielleicht noch öfter nach Edinburgh ziehen. Denn wenn wir selber aktiv sind und Gelegenheiten ergreifen, kommt immer auch etwas zurück:

In Edinburgh finden übrigens auch jede Menge Festivals statt: Die lassen wir zwar sausen, das abschliessende Feuerwerk sehen wir uns aber an. An einem Dienstag Abend versammelt sich eine Menschenmenge auf dem Calton Hill und späht zum Castle hin: Über dieser grandiosen Kulisse fackeln die Schotten eines der schönsten Feuerwerke ab, das ich je gesehen habe.

Foto: Nils Konheiser, der die Sahnehauben liefert!

Und mit Wehmut in den Augen schauen Nils und ich uns an, wissend, dass unser Praktikum in allzu naher Zukunft schon wieder Geschichte sein wird.

Simon
Baumschuler von Herzen, Gestalter aus Leidenschaft. Die Ursprünglichkeit ist mir wichtig, sie ist die Sprache der Natur. Aus ihrer Wildheit sprießen Ideen von Symbiose und tiefer Neugier, die wir verstehen wollen. Integrität gegenüber der lebendigen, vielfältigen Pflanzenwelt soll erlernt und gelebt werden. Darin Wurzelt echter Erfolg.
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